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Die Welt in 100 Jahren

A. Brehmer (Hg.), Nachdruck d. Ausg. Berlin 1910, Georg Olms Verlag, ISBN 978-3487083049, Sondereinband, 319 Seiten, ca. 20 Euro 

Die Welt in 100 Jahren – wer würde sich eine so ehrgeizige Prognose heute noch zutrauen? Der Journalist Arthur Brehmer (1858-1923) stellte sich zwischen 1909 und 1910 der Herausforderung und veröffentlichte eine Aufsehen erregende Anthologie, für die er eine Reihe angesehener Autoren gewinnen konnte – darunter so illustre Namen wie Bertha von Suttner, Friedensnobelpreisträgerin von 1905.

Wenn wir hier diesen Nachdruck des Buchs aus dem Jahre 1910 empfehlen, so ist das angesichts der eigenen, bis ins Jahr 1907 zurückreichenden Geschichte unserer Zeitschrift, eine besonders spannende und einmalige Angelegenheit.

Der Zeitpunkt der Erstveröffentlichung dieses einstigen Bestsellers fällt in eine sehr bewegte Zeit: Die Erfindung des Automobils ist gerade einmal ein Vierteljahrhundert her, die Entdeckung von Röntgenstrahlung und Radioaktivität liegt 15 bzw. 14 Jahre zurück, der erfolgreiche erste Motorflug der Gebrüder Wright erst sieben Jahre. Die Welt steht drei Jahre vor der Einführung des Fließbands in der Automobilfertigung und vier Jahre vor dem Ausbruch des ersten vollständig industrialisierten Krieges. Acht Jahre nach Brehmer veröffentlicht Oswald Spengler sein legendäres Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“, in dem er sich gegen die Idee der Menschheitsgeschichte als lineare Geschichte des Fortschritts richtet. Eine Skepsis, die nicht vollkommen unangebracht erscheint – angesichts der vielen Kriege, die folgen sollten.

Optimistischer sind dagegen viele der Zukunftsvisionen, die die von Brehmer versammelte Autorenschaft entwickelt. Von der Durchsetzung des Weltfriedens ist da die Rede, während heutzutage angesichts der drohenden, unkontrollierten Proliferation nuklearer Massenvernichtungswaffen die Idee einer dauerhaften Befriedung des Planeten eher utopisch anmutet. Der Sieg über Krankheiten durch den Einsatz von Radium wird in Aussicht gestellt. Es wird von Häusern gesprochen, die in 2 Kilometer Höhe über der Kalahari in der Luft schweben, um der Hitze auf dem Boden zu entkommen – Zukunftsvision für die deutschen Kolonien, deren Wegfall für die 50er Jahre prognostiziert wird.

Es ist das Paradoxe an Vorhersagen: Dort wo sie so präzise sind, dass es spannend wird, schwindet die Wahrscheinlichkeit ihres Eintreffens. Auch die hier vorgestellten Prognosen sind zum überwiegenden Teil aus heutiger Sicht teils naiver, teils verstörender Ausdruck eines grundlegend gewandelten Welt- und Menschenbildes.

Doch oft genug gibt es auch verblüffende Treffer. Die politische Einigung Europas wird hier in gewisser Weise vorhergesagt. Und die riesigen Flotten von Luftschiffen, die die Lüfte beherrschen, sind – wenn auch in technisch anderer Ausprägung – fester Bestandteil unserer heutigen Welt.

Die Fernsehübertragung wird in ihrer späteren Bedeutung treffend beschrieben. Zwar war die erste Übertragung und der Empfang eines Fernsehbildes bereits drei Jahre zuvor gelungen, doch bis zu den bahnbrechenden Erfindungen und Weiterentwicklungen, die das spätere Fernsehen erst ermöglichten, sollte es noch fast zwei Jahrzehnte dauern.

Und sogar das Mobiltelefon wird vorhergesagt, einschließlich des Vibrationsalarms und der Möglichkeit der Rufunterdrückung. Mit etwas gutem Willen könnte man gar die Vorwegnahme von Smartphone und Internet in die Schilderungen hineinlesen.

Die Liste eindrucksvoller Beispiele ließe sich noch lange fortsetzen. Insgesamt ist diese Wiederveröffentlichung, der auch die kongenialen Illustrationen Ernst Lübberts (1879-1915) nicht abgehen, eine in vielerlei Hinsicht spannende und empfehlenswerte Lektüre. Als Zeugnis einer faszinierenden gesellschaftlichen und technologischen Aufbruchphase vor den zwei großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts einerseits. Und als Vorreiter einer ernsthaft betriebenen wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Zukunft, Jahrzehnte vor der Einführung des Begriffs Futurologie durch Ossip K. Flechtheim und der Entwicklung der späteren Zukunftsforschung andererseits.

Hanna Knychas und Michael Graef
 

26.08.2010

© TM 2.0 Technische Mitteilungen – Technical Reports
 

 

 
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