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Wie sieht die Tageszeitung von morgen aus?

Spätestens seit der Verfügbarkeit des iPad ist die Frage, wie die Tageszeitung von morgen aussieht, in aller Munde. Das klassische Konzept der gedruckten, ausgetragenen Tageszeitung ist nicht mehr zeitgemäß: die Inhalte sind veraltet, die Verteilung ist teuer, die Produktion verschlingt gewaltige Papiermengen und Ressourcen, die Ausdrucksmöglichkeiten sind beschränkt und auf individuelle Wünsche der Leser kann kaum eingegangen werden. Zudem liefern klassische Tageszeitungen zunehmend Meinungen und weniger unverfälschte Informationen.

Selbst auf dem traditionellen Papierweg kann man diesen Nachteilen begegnen, ein Musterbeispiel ist die persönliche Tageszeitung niiu: Im Internet kann der Leser seine individuellen Interessen und Themenschwerpunkte bekunden sowie das Layout anpassen. Die persönliche Tageszeitung wird dann automatisch täglich produziert und in klassischer Tageszeitungsform verteilt. Die Inhalte werden gemäß den individuellen Vorlieben aus Dutzenden anderer Print- und Online-Medien ausgewählt, die mit niiu kooperieren. Zweifelsohne ein interessanter Ansatz, dennoch drängt sich die Frage auf, warum hier überhaupt noch eine Papierproduktion und physikalische Zustellung erforderlich ist.

Kennen Sie den „Tagespropheten“, die Zeitschrift aus den Harry Potter Romanen? In den Filmen wird dies wie eine übliche Tageszeitung dargestellt mit dem einzigen Unterschied, dass die Bilder bewegt sind. Anstelle von Fotos schmücken also Videosequenzen die Artikel und ermöglichen eine qualitativ andere Darstellung. Wirkte dies im ersten Film noch futuristisch, scheint es heute – im Zeitalter des iPads – fast schon „altbacken“: Wo ist die Interaktion mit dem Leser, wo das moderne Medium zur Darstellung und wo um alles in der Welt ist die Farbe?

Wunderbare Einblicke in die Zeitschrift von Morgen gab es auf der Entwicklerkonferenz Google I/O 2010 zu sehen. Die neue Version 5 des Standards HTML ermöglicht nun endlich auch typographisch und gestalterisch anspruchsvolle Seiten im Browser darzustellen, ohne auf externe Lösungen wie PDF auszuweichen. Im Rahmen einer Keynote werden Einblicke in ein Magazin von morgen gewährt, das die ästhetische Qualität und Anmutung eines Hochglanz-Magazins kombiniert mit den Navigationsmöglichkeiten im Internet sowie den Austauschmöglichkeiten des Web 2.0 bzw. von Social Media: Leser können tiefer in die Materie eintauchen, Wissen und Meinungen mit anderen Interessierten teilen und lesen „kollaborativ“, also in Gemeinschaft mit ihren (selbst definierten) Freunden. Das äußerst empfehlenswerte Video zu der Keynote finden Interessierte unter http://code.google.com/events/io/2010/.

Interessant ist, dass viele Ansätze noch das Konzept einer Zeitschrift verfolgen, die zu einem Zeitpunkt konsumiert wird. In der Vergangenheit war dies fast notgedrungen so, im Internet sehen wir uns aber bereits heute einem stetig fließenden Strom aus Nachrichten konfrontiert. Warum sollte es hier eine tägliche Zusammenfassung geben? Wäre es in einer sich immer weiter beschleunigenden Welt nicht konsequent, Nachrichten dann zu konsumieren, wenn diese verfügbar sind? Schließlich ist es ja auch kaum noch denkbar, einmal täglich seine E-Mails zu bearbeiten.

Gleichermaßen stellt sich die Frage der Konvergenz der Medien: Wir lesen in der Tageszeitung, hören Nachrichten im Radio und schauen möglicherweise abends die Tagesschau. Dem steht in der Zukunft eher der Ansatz gegenüber, dass uns alle für uns persönlich wichtigen Nachrichten im von uns individuell präferierten Format zum richtigen Zeitpunkt zur Verfügung stehen. Im Auto mag dies ein anderes Format sein als im Büro oder am Frühstückstisch.

Wie sieht also die Tageszeitung von morgen aus? Wir wissen es nicht, sicherlich aber anders als heute. Die Idee einer „Tageszeitung von morgen“ erscheint mir ohnehin nur ein Ausdruck des Wunsches zu sein, die Gegenwart irgendwie in die Zukunft zu verlängern. Ich persönlich denke, dass es auf kurz oder lang keine Entsprechung der klassischen Tageszeitung mehr geben wird und wir auf gänzlich andere Art und Weise den Nachrichtenstrom konsumieren werden.

Über den Autor:
Dr. Gero Presser ist Geschäftsführender Gesellschafter der QuinScape GmbH, Dortmund.
www.quinscape.de
gero.presser@quinscape.de

28.06.2010

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