Von Michael Graef „Auch 2008 wird ein gutes Börsenjahr“, prognostizierte ein angesehenes deutsches Aktionärsjournal als Aufmacher seiner Jahresendausgabe im Dezember 2007 – und lag damit so falsch, wie es überhaupt nur möglich ist. Wenig verwunderlich, dass der Verlag auf seiner Website dieses wenig verkaufsfördernde Zeitdokument aus dem ansonsten vollständigen Archiv von Titelbildern entfernt hat. „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen“, lautet eine Spruchweisheit, die gleich mehreren Berühmtheiten zugeschrieben wird. Woran liegt es, dass selbst ausgewiesene Experten oft genug nicht einmal die Entwicklung der nächsten Monate mit einer gewissen Genauigkeit antizipieren können, geschweige denn Zeiträume von mehreren Jahren und Jahrzehnten? Das zugegebenermaßen extreme, weil seltene Ereignis eines weltweiten Zusammenbruchs der Aktienmärkte, wie wir es im Jahre 2008 erleben mussten, macht deutlich, was das Kernproblem bei Prognosen ist: Sie funktionieren immer dann recht gut, so lange sich wenig Grundsätzliches ändert. Doch das Weltgeschehen ist eben kein monokausales, streng lineares. Mit den einfachen Mitteln einer Kurvendiskussion lässt sich die Zukunft eher selten zuverlässig vorhersagen – eine Erkenntnis, für die es nicht erst der Chaostheorie bedurfte. Überforderte Vorstellungskraft Die Geschichte ist reich an anschaulichen Beispielen für das grandiose Scheitern der menschlichen Vorstellungskraft bei der Aufgabe, sich die Zukunft auszumalen. Von der Bedrohung des Versinkens in Pferdemist war dereinst in den Metropolen des späten 19. Jahrhunderts die Rede, als man die Kehrseite des steigenden Bedarfs nach Pferdekutschen einfach in die Zukunft hochrechnete. Die Lösung des Problems kam bald darauf in Form maschinengetriebener Fortbewegungsmittel. Schnell war damals vom drohenden Tod durch Ersticken angesichts der vermeintlich „atemberaubenden“ Geschwindigkeiten, die nun möglich wurden, die Rede. Die frühen Marktforscher des 20. Jahrhunderts konnten sich den späteren Siegeszug des Automobils nicht recht vorstellen, gingen sie doch ausgerechnet von der begrenzten Zahl an Chauffeuren als Hinderungsgrund aus. Wer denkt da jetzt nicht spontan an Autos, wie sie uns bereits aus Science-Fiction-Filmen bekannt sind, die zu autonomem Fahren in der Lage sind? Auch schon keine Utopie mehr, sondern reale Forschungsprojekte in den Entwicklungsabteilungen der Automobilkonzerne. Wie naiv uns die Vorstellungen von der Zukunft aus früheren Epochen heute auch erscheinen mögen – aller Rasanz des technologischen Wandels zum Trotz haben wir uns in einem wichtigen Punkt von unseren Vorvätern denkbar wenig weit entfernt. Treuer Begleiter allen Fortschritts ist die permanente Schaffung von Problemen und Herausforderungen geblieben, die noch mit jeder technologischen Innovation Einzug gehalten haben. Somit dürfte auch künftigen Generationen niemals der Stoff ausgehen, aus dem Zukunft geformt wird: Das Ungenügen an der Gegenwart. Egal welchen Aspekt menschlicher Erkenntnisgewinnung man dabei auch betrachten mag: Jede neu gewonnene Antwort wirft letztlich tausend neue Fragen auf. Ein Ende ist nicht abzusehen. Was lässt sich also mit Gewissheit vorhersagen? Eine an Aktualität kaum zu übertreffende Antwort auf die Frage „Was können wir prophezeien?“ lieferte im Jahre 1910 die von dem deutschen Journalisten Arthur Brehmer herausgegebene Anthologie „Die Welt in 100 Jahren“ wie folgt: „Es gibt mancherlei, was wir trotz unserer Unzulänglichkeit bis zu einem gewissen Grade sicher voraussagen können. Man kann zum Beispiel sicher vorhersagen, daß das menschliche Vorwärtsstreben von jetzt an weit schneller von statten gehen wird, als es jemals bisher der Fall gewesen ist...“ Heute, 100 Jahre später und exakt in jenem Jahr also, auf das man damals seine Vorstellungen projizierte, sind wir vor dem Hintergrund des eindrücklichen Beispiels Internet und seiner Hervorbringungen gerade dabei zu erahnen, wie extrem schnell und nachhaltig sich die Welt für uns alle schon in sehr naher Zukunft noch wandeln dürfte. Als Auswirkung spürbar ist für jeden neben den zahllosen Annehmlichkeiten schon heute die zunehmende Härte des weltweiten Wettbewerbs, der in dieser Form erst durch die technischen Revolutionen der letzten Jahre und Jahrzehnte möglich geworden ist. Auch das faktische Wissen und die Vorstellungen von der Welt und ihrer Zusammenhänge, vermittelt durch Schule, Ausbildung und Studium, welche für frühere Generationen ein Arbeitsleben lang Gültigkeit behielten, verlieren für die meisten Menschen heute oftmals schon nach wenigen Jahren an Schärfe. Gefragt ist ein sich permanentes Anpassen des Einzelnen, etwa durch berufliche Weiterbildung und Zusatzqualifizierung. Und auch auf Unternehmen nimmt der Druck zu: Produktlebenszyklen beschleunigen sich, es gilt immer schneller auf Trends zu reagieren und auf sich wandelnde Kundenbedürfnisse und -erwartungen. Während die Bedeutung der Produktion auf breiter Front abgenommen hat (wenn wir einmal von Randphänomenen wie hochwertigen handwerklichen Erzeugnissen absehen), nimmt die Bedeutung von Forschung und Entwicklung weiter erheblich zu. Ebenso wird die Rolle der Markt- und Trendforschung immer wichtiger. Ein aktuelles Beispiel: Dieser Tage kann man von dem Interesse Googles an bzw. seiner angeblichen Investition in ein Unternehmen lesen, welches sich die Vorhersage der Zukunft mit den Methoden der semantischen und numerischen Auswertung der im Internet verfügbaren Informationen zur Aufgabe gemacht hat. Der passende Name des Unternehmens lautet Recorded Future. Ein weiterer Interessent soll mit In-Q-Tel eine Firma sein, die zum amerikanischen Geheimdienst CIA gehört. Die immer ausgefeilteren Methoden werden in Zukunft mit Sicherheit zu präziseren Vorhersagen führen. Am Ende stehen jeweils mehrere alternative Szenarien mit unterschiedlichen Grundannahmen, Ausgängen und Wahrscheinlichkeiten ihres Eintretens. Doch auch mit dem Wissensvorsprung eines Geheimdienstes und den modernsten empirischen und analytischen Verfahren wird sich Zukunft wohl niemals zuverlässig voraussagen lassen. Und man ist geneigt zu sagen: glücklicherweise. Der amerikanische Informatiker Alan Kay brachte die prinzipielle Unmöglichkeit der Zukunftsvorhersage einmal vortrefflich auf den Punkt, indem er sagte: „Die beste Art, die Zukunft vorauszusagen, ist, die Zukunft zu erfinden“. Ihre Meinung? redaktion@tm20.de 26.08.2010 © TM 2.0 Technische Mitteilungen – Technical Reports |