Vielen gilt die Mathematik als eine nüchterne und nur schwer zugängliche Wissenschaft, in der Zahlen, Formeln und Geometrien für eine unbedingte Klarheit und Gewissheit sorgen, wenn man naturwissenschaftliche und technische Phänomene erklären möchte. Dagegen hat die Philosophie den einschlägigen Ruf, diffuse und nur schwer verständliche Gedankengebäude zu erschaffen, die von einem starken Relativismus geprägt zu sein scheinen.

Tatsächlich haben beide Fächer aber mehr miteinander zu tun, als viele auch nur ahnen. Mit der faszinierenden Verbindung von Mathematik und Philosophie beschäftigt sich Bernulf Kanitscheider, ein renommierter Philosoph der Naturwissenschaften, in seinem neuen Buch „Kleine Philosophie der Mathematik“. Es ist eine packende und erhellende Reise in die spannungsgeladene und doch unvermeidliche Beziehung zweier großer Wissenschaften.

„Kleine Philosophie der Mathematik“ – von Bernulf Kanitscheider

„Im Folgenden“, erklärt Kanitscheider im Vorwort seines Buches, „soll der Leser an die Kontaktzone von Philosophie und Mathematik hingeführt werden, ohne dass zu viel argumentative Verlockung in Richtung auf eine bestimmte Variante der Beziehung beider Gebiete ausgeübt wird … Jedenfalls hat das Buch sein Ziel erreicht, wenn die unvermeidliche Verschränkung der beiden großen Gedankenkomplexe deutlich geworden ist.“

Um dieses Ziel zu erreichen, lotet der Autor zunächst die tief verwurzelte Tradition aus, die beiden Wissenschaften als zwei verschiedene Kulturen wahrzunehmen. Dies macht er am Beispiel einer Aussage von Dietrich Schwanitz deutlich, der während der Bildungsdebatte in Deutschland im Jahre 1999 mit einer provozierenden These die Gemüter erregte. Sinngemäß meinte der Hamburger Anglist, dass mathematisches Wissen nicht zu den Bildungsdesideraten gehöre. „Ja, noch mehr, er meinte, dass bildungsbeflissene Bürger durch die trivialen, oberflächlichen Erkenntnisse der Naturlehre vom eigentlichen kulturrelevanten Wissen abgelenkt und in die Irre geführt würden.“

Warnung vor Mathematik und Logik

Bereits im christlichen Mittelalter, so Kanitscheider, hätten Kirchenvertreter vor der Beschäftigung mit mathematischen Gesetzen und mit der Logik gewarnt, weil sie für den Menschen angeblich „glaubensgefährdend“ seien.

Dass Philosophie und Mathematik sich gegenseitig befruchten und dass sie einander im Kern sehr ähnlich sind, weil sie seit Jahrtausenden bestrebt sind, mit unterschiedlichen Mitteln die Gesetze des Unendlichen und des Kosmos zu zähmen, erörtert Kanitscheider in einer glänzend geschriebenen und weit fassenden Analyse. Dazu reist der Autor in die Welt der Vorsokratiker und deren Verständnis, die Welt mit Zahlen, Gedanken und Mythen begreifbar zu machen. Von dort erörtert er die „Eigenheit mathematischer Rationalität“ hinsichtlich unterschiedlicher Fragestellungen.

Im nächsten Kapitel beleuchtet er schließlich Parallelen zwischen Mathematik und Physik oder zwischen Logizismus und Platonismus. Der Autor erklärt die Funktion der Mathematik in der Analytischen Philosophie oder Fragen nach der Gegenständlichkeit oder Zufälligkeit von mathematischen Phänomenen, bevor er abschließend die Mathematik als Leitkultur der Wissenschaft ins Auge nimmt und so eine erkenntnisbringende Versöhnung der wissenschaftlichen und literarischen Kultur beschwört.

Nicht nur Studenten, Lehrenden und Forschenden beider Wissenschaften wird Kanitscheiders luzide und konzentriert verfasste „Kleine Philosophie der Mathematik“ neue Erkenntnisse, Einsichten und Anregungen bringen, sondern auch dem interessierten Laien.

Über den Autor
Prof. Dr. Bernulf Kanitscheider hatte von 1974 bis 2007 den Lehrstuhl für Philosophie der Naturwissenschaften im Fachbereich Physik und am Zentrum für Philosophie und Grundlagen der Wissenschaften der JustusLiebigUniversität Gießen inne. Seine Hauptarbeitsgebiete sind Wissenschaftstheorie, Naturphilosophie, Kosmologie, begriffliche Analyse von Relativitätstheorie und Quantenmechanik sowie Untersuchungen zur Naturalismusproblematik und zur Fundierung einer materialistischen Ethik.

Bernulf Kanitscheider Kleine Philosophie der Mathematik
2017, Originalausgabe. Gebunden, 200 Seiten.
S. Hirzel Verlag Stuttgart
ISBN: 978­3­7776­2637­6 € 29,80 [D]

Weitere Informationen:
S. Hirzel Verlag Stuttgart
www.hirzel.de

23.02.2017